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Conference Report by Christian Machek (German)

Bericht Interreligiöse Konferenz “Heute gerecht leben. Impulse zu Ordnungskonzeptionen aus katholischer, orthodoxer und schiitischer Tradition”

Dr. Christian Machek

Seit je her geben Religionen den Menschen Antworten auf die essentiellen Lebensfragen, auch bezüglich des Zusammenlebens. Diesen immer hoch aktuellen Antworten der verschiedenen Weltreligionen liegen historisch ausdifferenzierte philosophisch-theologische Konzepte zugrunde. Bestehen bei allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten, die es zu erkennen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen gilt? Johannes Messner meinte, dass der Lehre vom Naturrecht und Naturgesetz im interreligiösen Gespräch größere Bedeutung denn je zukommen wird.

Der Frage nach der Bedeutung des Naturrechts und der Religion überhaupt ging die Messner-Gesellschaft in einer in Kooperation mit dem Institut für Religion und Frieden (unter der Leitung von MilSuperior MMag. Gugurel) veranstalteten Konferenz vom 19. bis 22. September 2016 nach. Der Titel der Konferenz lautete: „Heute gerecht leben“ und war ein Trialog zwischen katholischen, orthodoxen und schiitischen Gelehrten, indem insbesondere die Voraussetzungen für eine vernünftige Koexistenz und somit den Perspektiven für eine Kooperation in der heutigen Welt erörtert wurden. Die konkreten Themen der Konferenz waren Anthropologie, philosophische Traditionen, Religionsgeschichte, Ordnungskonzeptionen mit besonderer Bezugnahme auf das Verhältnis von Religion und Staat, der interreligiöse Dialog und eben die Frage nach einer Koexistenz und einer Kooperation der Religionen. Teilnehmer der Konferenz waren Professoren aus Österreich, der Bundesrepublik Deutschland und dem Iran, sowie Mitglieder der Messner-Gesellschaft.

Das Leitmotiv der Konferenz war die von Hans Küng formulierte Überzeugung: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“ Die Religionen sind eine „Schule der göttlichen Gnade“, und im Zeichen der Suche nach gemeinsamen Wurzeln und einer gemeinsamen Wahrheit fand diese Konferenz und das anschließende Kulturprogramm – getragen von einem Geist der Offenheit, Wertschätzung und Freundschaft – statt, die einen intensiven, spannenden und fruchtbaren akademischen Diskurs ermöglichten. Teil des Programms waren auch Besuche bei Frau Dekanin Prof. Müller von der Theologischen Fakultät und dem islamischen Religionspädagogen Prof. Aslan von der Universität Wien sowie der Klöster Heiligenkreuz und Melk.

Im ersten Teil der Konferenz wurden die philosophischen und theologischen Grundlagen von Christentum und Islam erörtert. Es stellte sich heraus, dass der schiitische Islam über eine starke neoplatonische Tradition verfügt, betont er doch die Prinzipien Rationalität, Spiritualität und Gerechtigkeit. In einem gemeinsamen philosophischen Traditionsverständnis ist die Vernunft mit dem Ordnungsdenken verknüpft. Der Logos ist eben ein kosmischer Begriff. Es gibt eine Verbindung zwischen der Vernunft Gottes, der objektiven Vernünftigkeit der Welt, die wir „Natur“ nennen, und der endlichen Vernunft der Menschen. Dieses Konzept ist theonomisch und bis heute der Verdrängung durch ein autonomes Menschenbild ausgesetzt.

Das gemeinsame Verständnis der Unvollkommenheit des Menschen (mit dem Unterschied der christlichen Erbsündenlehre) bei seinem gleichzeitigen Streben nach Vollkommenheit wurde anfangs der Konferenz angesprochen. Der Mensch ist nicht bloßes Faktum, sondern ein Wesen, das seine Menschennatur entfaltet. Ein naturalistisches und voluntaristisches Menschenbild schaden dem Menschen und führen unweigerlich zu Chaos und Anarchie. Es gibt immer einen Maßstab für das menschliche Handeln „jenseits“ eines Konventionalismus. Die Grundlagen für den Begriff der Menschenwürde, sowie die unterschiedlichen religiösen und modernen Verständnisse von Freiheit wurden ferner thematisiert. Dabei betonten die iranischen Gäste, dass das Gewissen („innerer Prophet“) im Einklang mit der Offenbarung (der „äußeren Propheten“) stehen sollte.

Anknüpfend an diese Überlegungen zu den Grundsätzen wurde die Frage nach der Ordnung des Zusammenlebens gestellt. Kann es eine gesellschaftliche Ordnung ohne Gott geben? Ist es nicht vielleicht doch gerade die Religion, die die Würde des Menschen schützt – trotz ihrer Missbräuche und Pathologien, die angesprochen wurden (z. B. Gewaltbereitschaft im Islam)? Wie sieht dabei das Verhältnis von Religion und Staat aus bzw. sollte es aussehen? Der Islam kennt die Einheit der politischen und religiösen Sphären, das (katholische und orthodoxe) Christentum die Unterscheidung, aber nicht die Trennung im Sinne des säkularen bzw. laizistischen Staates. Staat und Kirche sind analog zu sehen mit dem Körper und der Seele des Menschen. In Deutschland und Österreich hat sich ein eigenes Modell entwickelt, dass die Freiheit des Einzelnen achtet und sichern will sowie gleichzeitig den Religionen einen geschützten Status in Staat und Gesellschaft garantiert. Das Bonner Grundgesetz beginnt etwa mit einer Verantwortungsklausel vor Gott.

In politikwissenschaftlichen Schlussbetrachtungen wurde festgehalten, dass unsere heutige Welt zunehmend multipolar ist und in dieser realpolitisch eine Ordnung der Welt möglich ist. Dabei sind diverse Universalismen und ihr „Export“, hinter dem sich meist Machtinteressen verbergen, als Gefahr für die Weltfrieden zu sehen. Die Religionen mit ihren Offenbarungen, aber auch ihrer Rationalität, können einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Probleme der Menschheit liefern, so der Grundkonsens der Konferenz. Dabei kann der Andere ein Zeichen Gottes für uns sein, so der orthodoxe Referent. Sind wir fähig von anderen zu lernen, was wir vielleicht schon vergessen haben? Das Institut für Religion und Frieden wird einen Sammelband der Konferenz im nächsten Jahr herausgeben. Es wurde ein eigenes Dialog-Forum, den ViCo-Kreis, der Vienna-Qom Circle for Catholic-Shi’a Dialogue on Religion, Philosophy and Political Theory, gegründet. Und im Hinblick auf die Fortsetzung der bisherigen Tagungen wurde eine dritte Konferenz anberaumt, die voraussichtlich wieder in Qom (Iran) stattfinden wird. An unserem Dialog-Forum sind Sie selbstverständlich herzlich eingeladen teilzunehmen: https://viqocircle.org. Die Dialoge werden ihre Fortsetzung finden – so Gott will, Inshallah.


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